Mai 2006

20 Jahre NEUES FORUM

»Eine Bewegung erweist sich als erfolgreich, wenn sie zerfällt«

Bärbel Bohley, September 2009

 

Es ist schwer, selbst einen Abstand zu dem Geschehen im Herbst 1989 zu gewinnen, vielleicht gerade deshalb, weil ich den Aufbruch der Gesellschaft lange ersehnt hatte und nicht ganz unbeteiligt daran war. Ein Satz von Hegel, der mich seit Langem beschäftigt, hilft mir dabei. Deshalb ist er zur Überschrift dieses Textes geworden.
An einer Berliner Eisenbahnbrücke steht eine noch gut sichtbare Losung: »Wir wollten nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollten die ganze Bäckerei«. Ja, das wollten wir. Wir wollten mitbestimmen, welche Zutaten in den Brotteig kommen, denn wir haben lange genug altbackenes oder verschimmeltes Brot vorgesetzt bekommen. Es wird uns noch heute serviert. Darum wollen wir noch immer die ganze Bäckerei und mitbestimmen, was und wie gebacken wird.
Entweder erzählt man die Geschichte aus dem Blickwinkel der politischen Opposition in der DDR oder von dem Ergebnis her, mit dem das »tolle Jahr« endete. Sie hat aber noch eine dritte Dimension, die meistens nicht gesehen wird. Für mich ist es eine Geschichte, die auf der Straße, unter freiem Himmel, begann, und darin liegt ihre besondere Ausstrahlungskraft. Der Herbst 1989 in der DDR ist die Geschichte der Selbstorganisation der aufgestauten demokratischen Potentiale in fast allen Schichten der Bevölkerung. Für mich ist nicht der Zusammenbruch des verdorrten Staatsgerippes der Diktatur der maßgebliche Vorgang, sondern der großartige Aufbruch der Bürger, der ihn bewirkte.

Der ursprüngliche Impuls ihrer Suche nach der neuen Gestalt des Gemeinwesens und seine dynamische Ausbreitung werden bis heute nicht hinreichend verstanden. Je mehr die Geschehnisse des Herbstes 89 Geschichte werden, desto weniger finden sie einen Platz als kollektives Erleben im gesellschaftlichen Gedächtnis. Jeder hat wieder nur seine eigene Geschichte, die er oft selbst nicht versteht, weil sie fundamentale Brüche aufweist.
Im Herbst 1989, der eigentlich vom September 1989 bis in den März 1990 reichte, fand ein unausgesetzter, landesweit fast gleichzeitiger Aufbruch statt, an dem sich aktiv mindestens zwei Millionen Menschen beteiligten – in sämtlichen großen Städten, in allen mittleren Städten, in vielen Kleinstädten, ja bis in die Dörfer hinab. Es war die größte Demokratiebewegung der deutschen Geschichte bisher.

Die Politik fand plötzlich unter freiem Himmel statt – auf der Straße entfaltete sich jene Dynamik und konnte sich nur dort entfalten. Es charakterisiert diese sechs Monate gerade, dass die politischen Prioritäten von demonstrierenden Mehrheiten gesetzt wurden. Die »große Politik« dagegen musste jeweils nachfolgen und konnte erst auf dem Terrain, das die Bürgerbewegungen abgesteckt hatten, wieder ihre tradierten Gebäude errichten.

Ich werde die Begeisterung nicht vergessen, die nicht nur die Ostdeutschen erfasst hatte. Die ganze Welt schien mitgerissen zu werden und teilte die Begeisterung an unserem lebendigen, lustvollen Protest. Den Traum, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, träumte ich schon lange. Aber dann wurde der Traum Wirklichkeit und gewann Gestalt, und dies in einer Geschwindigkeit, dass man von der Realität mitgerissen wurde, beinah überrollt wurde von dem Geschehen und Mühe hatte, den Kopf oben zu behalten.
Für mich war die Vorgeschichte des Herbstes nicht eben ruhig und betulich, sie fängt mit meiner Wiedereinreise in die DDR im August 1988 an. Ich war aus der Haft in Hohenschönhausen wegen »staatsfeindlicher Aktivitäten« direkt in den Westen ausgewiesen worden und hatte wenig Hoffnung, dass man mich wieder in die DDR einreisen lassen würde. Meine Wiedereinreise empfand ich als Sieg all derer, die sich wie ich jahrelang bemüht hatten, in der DDR ein Zeichen von eigenständigem Denken und Handeln zu setzen.
Die enormen Probleme in allen gesellschaftlichen Bereichen waren längst allen bewusst, aber in der Öffentlichkeit wurden sie von der Politik unter den Tisch gekehrt. Diejenigen, die sie benennen oder verändern wollten, mussten mit Repressionen bis hin zur Verhaftung rechnen. Kaum ihr eigenes Leben konnten die Menschen in die Hand nehmen, schon gar nicht das gesellschaftliche. Unzählige waren als Einzelkämpfer gegen den Staat angetreten. Ihre Geschichte war oft entmutigend und deprimierend, denn sie endete meist im Gefängnis. Bis heute haben viele ihre Traumata nicht überwunden. Ich hatte das Glück, immer wieder durch viele Freunde und Gleichgesinnte unterstützt zu werden.

Wie aber konnte, musste der Raum beschaffen sein, in dem die DDR-Bürger Mut fanden, zu sprechen, zu handeln und sich zu solidarisieren?

Bisher hatten fast alle oppositionellen Gruppen nur unter dem Dach der Kirche agiert und sich damit zugleich isoliert. In der Isolierung wurden die Auseinandersetzungen besonders kleinkariert, wenn auch heißblütig geführt. Die Zersetzungsmaßnahmen der Stasi wirkten durchaus und schürten das Misstrauen der Gruppen untereinander. Für den Außenstehenden, für den durchschnittlichen DDR-Bürger, sah das alles wie eine Ansammlung von Aussteigern, Gescheiterten, Halbgebildeten und Kirchenvertretern aus, die wenig Anziehungskraft besaß.

Das Kirchendach bot zwar den Gruppen einen gewissen Schutz, aber es war nicht der Ort, unter dem sich die Menschen zu Hause fühlten und aktiv werden wollten, denn der größte Teil der Bevölkerung war atheistisch. Selbst Sympathisanten gingen nicht in die Kirche, auch nicht, um ein paar Oppositionellen und Friedensbewegten zuzuhören.

Nach meiner Rückkehr aus dem Westen in die DDR kamen die unterschiedlichsten Menschen zu mir. Sie wollten sich außerkirchlich organisieren und verschiedene Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Rudolf Tschäpe und Reiner Meinel aus Potsdam wollten bereits im Herbst 1988 die SPD gründen

Aber eine Partei mit fünf Mitgliedern zu gründen erschien mir als der zweite Schritt vor dem ersten. Ich war überzeugt, wichtiger sei es, die Menschen zu bestärken, sich überhaupt öffentlich zu artikulieren und zu organisieren – ganz egal wo, in eigenen Gruppen, neuen Parteien oder in der allgegenwärtigen SED. In der Gesellschaft herrschte Atemnot, sie brauchte Luft, und die konnte ihr nur ein breit angelegter Dialog verschaffen. Der Diskurs im öffentlichen Raum war die Voraussetzung jeder Veränderung.

Viele Menschen sahen keine Chance mehr, in der maroden DDR die Gegebenheiten zu verändern. Sie hatten das Gefühl: Ich bin am Ende, der Staat ist nur noch eine leere Hülse, und ich habe keine Kraft mehr, mich weiter durch dieses Niemandsland und seine Fallgruben zu schleppen.

Es entstand die Idee, eine Gruppe ins Leben zu rufen, deren Mitglieder nicht nur dem kirchlichen Umfeld angehörten. Es sollten Menschen aus allen gesellschaftlichen und sozialen Bereichen sein. Die Vorbereitungen begannen im Sommer 1988 und dauerten bis zum Herbst 1989. Um die Einflussmöglichkeiten der Stasi möglichst auszuschalten, wurde zunächst nur mit Einzelnen mündlich über das Vorhaben beraten. Jeder Angesprochene war bereit mitzumachen. Trotzdem war es eine Überraschung, dass wir bei unserem ersten gemeinsamen Treffen am 9. und 10. September 1989 im Haus von Robert Havemann in Grünheide den Aufruf »Die Zeit ist reif« tatsächlich übereinstimmend verfassen und beschließen konnten. Jens Reich und Rolf Henrich hatten jeweils einen Entwurf im Gepäck. Beide wurden diskutiert, es wurde an jedem Satz herumgefeilt. Der eine Gedanke rein, der andere raus. Aber ohne die üblichen Haarspaltereien waren schließlich alle einverstanden, den Aufruf zu unterschreiben. Wir fühlten, die Zeit drängt.

Die dreißig Erstunterzeichner des Aufrufes waren mit ihren Namen und Adressen die ersten Kontaktstellen für Menschen, die bereit waren, sich dem Aufruf anzuschließen. Den Appell schickten wir an alle wichtigen DDR-Medien, einige Westmedien und alle uns bekannten Sympathisanten und Freunde. Die DDR-Medien schwiegen ihn tot, aber über die bundesdeutschen Radio- und Fernsehsender wurde er in der DDR sofort bekannt. Eine überraschende Welle der Zustimmung setzte ein. Innerhalb von wenigen Tagen unterschrieben Tausende den Aufruf. Tag und Nacht standen bei mir die Türen offen und Menschen kamen, um sich Informationsmaterial zu holen. Der Aufruf wurde verteilt, abgeschrieben, gelesen, diskutiert und unterschrieben. Tag und Nacht waren wir im Einsatz. Ich erinnere mich an zwei Fahrer eines Rettungswagens, die weit nach Mitternacht auf dem Weg zur Charité bei mir Halt machten und den Aufruf unterzeichnen wollten. Der Ansturm der Interessierten war überwältigend.

Die Gesellschaft begann aufzubrechen – in mehrfachem Sinn. Die einen flüchteten über Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei in den Westen, die anderen wollten endlich in der DDR ihre Lebenswelt ihren Bedürfnissen anpassen. Was auch immer man forderte, wo immer man anfing – eine Forderung ergab die nächste. Es war eine Kette ohne Ende. Wollte man z. B. die Umweltproblematik auf die Tagesordnung der Gesellschaft heben, musste man vorher gegen die Lüge der staatlichen Organe aufstehen, dass bei uns alles in Ordnung sei, obwohl jeder die Umweltprobleme vor seiner Haustür kannte, vielleicht sogar selbst ein krankes Kind hatte oder eine Krankheit, die in kausalem Zusammenhang mit der entsetzlichen Ausbeutung der Natur stand.

Die Bevölkerung hatte jahrzehntelang wider besseres Wissen mitgelogen und fühlte sich mitschuldig an dem katastrophalen Zustand der Gesellschaft. Damit sollte jetzt Schluss sein. Um der Wahrheit straffrei zu ihrem Recht zu verhelfen, brauchte man jedoch die Menschenrechte, wie Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit. Und um die wiederum durchzusetzen, musste die SED letztendlich ihren Allmachtsanspruch aufgeben. Den größten Druck auf die Staatsmacht übten die täglichen und überall stattfindenden Massendemonstrationen aus.

Dies alles geschah unter den Augen der entgeisterten Staatsmacht, die bis dahin auf Biegen und Brechen jede Veränderung verhindert hatte. Am Rande der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR protestierten überall Tausende, damals noch für die demokratische Erneuerung des Sozialismus. In Ostberlin wurden sie von der Polizei niedergeknüppelt und verhaftet. Die Montagsdemonstration am 9. Oktober in Leipzig war der Durchbruch. Sie hatte bereits 70.000 Teilnehmer. Hier erklang zuerst der Ruf »Wir sind das Volk«. Er verwies die Staatmacht auf den ihr gebührenden Platz, die Bürger reklamierten jetzt die Macht für sich und sprachen sie damit den Herrschenden ab. Am 11. Oktober 1989 bot die SED-Führung zum ersten Mal seit Bestehen der DDR dem Volk einen »Dialog« an.

Die Verhältnisse hatten zu tanzen begonnen, aber es war eine Polka, bei der jedem schwindlig wurde. Nicht nur uns, sondern allen Zuschauern, auch den Politikern im Ausland. Und wer von ihnen heute sagt, er habe den Takt angegeben, der lügt.

Dass von Seiten der Sowjetunion keine militärische Intervention stattfand, ist vor allem der Perestroikapolitik Gorbatschows zu verdanken und dem bis ins Innerste geschwächten sowjetischen Imperium. Auch dort liefen in allen Bereichen die Verhältnisse aus dem Ruder. Im Sommer hatten bereits 250.000 Bergarbeiter gestreikt, die neben der Schaffung von politischen Rechten vor allem eine Verbesserung der konkreten Lebensumstände forderten.

Wir versuchten, dem Neuen Forum eine Struktur zu geben. Landesweit bildeten sich bis in die kleinsten Gemeinden hinein Kontaktstellen und Arbeitsgruppen zu allen drängenden Themen: Wirtschaft, Politik, Justiz, Menschenrechtsproblematik, Staatssicherheit, Bildungs- und Gesundheitswesen, Umwelt, Kultur, Medien usw. In Weimar hatten sich bereits Anfang Oktober Hunderte organisiert. An einem einzigen Tag nahmen elf Arbeitsgruppen zu den verschiedensten Themen ihre Arbeit auf. Menschen, die sich bis dahin überhaupt nicht kannten, diskutierten miteinander, analysierten die Situation, verabredeten sich zu Aktionen, suchten nach Auswegen aus dem Niedergang des Systems. Sie vergaßen ihre Angst vor der Stasi, dem Gefängnis und all ihre schlechten Erfahrungen. Keiner wollte mehr passiv sein. Während bis dahin kaum jemand den Mut hatte, sich mit seinem Namen zu seinen Gedanken zu bekennen, wollte jetzt niemand mehr namenlos sein. Die Menschen wollten die Veränderungen mitbestimmen und mitgestalten. Und das war im ganzen Land so.

Nichts war uns zu groß, als dass wir es nicht angepackt, nichts war uns zu klein, als dass wir uns nicht darum gekümmert hätten. Ich denke an die Auflösung der Armee, an die Aufdeckung der Schweinereien in Rossendorf ... Ich denke auch an die Roma und Sinti, die aus Hamburg ausgewiesen werden sollten, um deren Aufnahme in die DDR wir uns bemühten, oder an das ungewisse Schicksal der Vietnamesen, die in der DDR wie Arbeitssklaven gearbeitet hatten und jetzt, wo sie nicht mehr gebraucht wurden, wieder nach Vietnam zurückgeschickt werden sollten.

Am 7. Dezember 1989 nahm der Zentrale Runde Tisch seine Arbeit auf. Im ganzen Land, auf allen Ebenen, entstanden in den nächsten Wochen nach seinem Vorbild und zu allen Themen ebenfalls Runde Tische. Die Runden Tische und die neu entstandenen Arbeitsgruppen handelten unabgesprochen und selbständig nach den gleichen Prinzipien. Ihre spontane Arbeitsgrundlage war immer Selbstorganisation, inhaltliche Selbstbestimmung, wechselseitige Gewaltlosigkeit, sachpolitische Konsensfähigkeit, sozialer Orientierungssinn und soziale Grundsolidarität.

Die Arbeit war nicht einfach nur fruchtbar, sondern oft nervenaufreibend, denn wer saß da nicht alles an diesen Tischen und in den Arbeitsgruppen! Neben dem Kompetenten der gut meinende Spinner oder Blockierer, der Ängstliche neben dem Ungeduldigen, der frühere Verantwortungsträger neben dem bislang Ausgegrenzten. Trotzdem barg die Arbeit in den neuen Gruppen, Parteien, Organisationen und an den Runden Tischen ein riesiges Gestaltungspotenzial. Es war eine demokratische Praxis.

Und immer wieder Bürgerversammlungen, Demonstrationen, Proteste. Tausende gingen auf die Straße und demonstrierten, sie besetzten staatliche Einrichtungen wie Ministerien, Rathäuser, Kasernen und Staatssicherheitseinrichtungen. Sie öffneten und durchsuchten geheime Archive. Betriebsdirektoren wurden abgesetzt und neue eingesetzt. Es wurde begonnen, an den Runden Tischen die städtische wie die staatliche Ordnung neu zu regeln – und niemand glaubte, dass drei Jahre später keine Fabrik, keine Mietwohnung, keine Behörde mehr existieren würde, deren damaliger Status noch anerkannt wäre.

Nach den Wahlen am 18. März 1990 bekamen die Ereignisse eine besondere Dynamik, welcher der normale Bürger kaum noch folgen konnte. Acht Wochen später wurde der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vereinbart – wie wir heute wissen, im Wesentlichen ausgehandelt von den Mächtigen des damaligen Westdeutschlands und halbseidenen Vertretern der DDR. In ihm wurden die Grundzüge der Vereinigung beider Staaten festgelegt und die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vereinbart, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat. Die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR. Das verschärfte die ökonomische Situation deutlich. Die ersten Fabriken wurden geschlossen, die ersten Menschen arbeitslos.

Die Ereignisse, Neuigkeiten, Nachrichten und Gerüchte überschlugen sich und waren für den Einzelnen kaum noch nachvollziehbar oder durchschaubar. Die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen und durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht wurden, grenzte an Verantwortungslosigkeit. Die künftigen Konsequenzen für jeden von uns und die ganze Gesellschaft wurden nicht mehr diskutiert. Alle während der Revolutionszeit ausformulierten Standpunkte – wie z. B. die Verfassung des Runden Tisches, die Neuordnung der Medien, der Umbau des Bildungswesens – wurden fallengelassen. Das Volk war schon wieder marginalisiert.

Im historischen Minutentakt waren 1989 die Umschwünge in Prag, in Warschau, Budapest, Bukarest, Sofia usw. erfolgt. Aber dort blieben die Demonstrationen überwiegend auf die Hauptstädte beschränkt, während sie in der DDR das ganze Land erfassten. Die Bürgerbewegungen haben aber nicht nur die innenpolitischen Verhältnisse vom Kopf auf die Füße gestellt, auch weltpolitisch haben sie erfolgreich gewirkt. Das Ergebnis schreiben sich heute jedoch die Politiker auf ihre Fahnen.

Bis 1989 sahen die wenigsten, dass man am Status quo rütteln könne. Die weitaus größere Mehrheit dachte, den Frieden in Europa, sogar den Weltfrieden, nur durch die Beibehaltung der Machtverhältnisse aufrechterhalten zu können. Darum bekam die DDR die Strauß-Kredite und wurde Erich Honecker mit einer Einladung in die Bundesrepublik aufgewertet. Um den Status quo tief greifend und positiv zu verändern, brauchte die Geschichte nach sechzig Jahren Kaltem Krieg selbständig und unabhängig Handelnde – das waren die Bürgerbewegungen Osteuropas.

Diese Veränderung hätte so kraftvoll und spontan niemals von oben erfolgen können. Es wären noch jahrzehntelang Konjunkturpakete für den Osten geschnürt worden, um ihn am Leben zu erhalten. Der große Umbruch von 1989 hat inzwischen die ganze Weltpolitik, alle Kräfteverhältnisse verändert, und ein Ende der Veränderungen ist nicht abzusehen.

Sehen wir einmal von seiner jahrzehntelangen Vorgeschichte ab, dann nahm der eigentliche politische Durchbruch zur Selbstbestimmung von unten in Deutschland seinen Anfang – genauer: in Ostdeutschland, in der damaligen DDR. Hier begann das Ende der Nachkriegszeit für Europa. Das wurde in den letzten zwanzig Jahren oft vergessen, wir haben es selbst vergessen, und anstelle des damaligen Gestaltungswillens und Selbstbewusstseins ist ein Gefühl der Überforderung und Niedergeschlagenheit getreten. Das Kräfteverhältnis in der Welt hat sich zwar grundlegend geändert, doch Ungerechtigkeit, Ausbeutung von Menschen, Zerstörung von Kulturen, Umwelt, die Vergeudung von Ressourcen, riesige Waffenarsenale und neu sich aufbauende Ideologien gefährden nach wie vor die Weltgemeinschaft. Vom »Ende der Geschichte« sind wir jedenfalls weit entfernt.

Ich bin oft gefragt worden, ob der Mauerfall zu früh kam. Ja, ich glaube, er ist zu früh gekommen. Er hätte erkämpft werden müssen und nicht als Toröffnung durch die Torwächter eintreten dürfen. Die Mauer fällt plötzlich, und alle sind platt und stehen sprachlos da. Wir hätten Zeit gebraucht, um das Terrain zu klären und uns einen Weg durch das Dickicht des DDR-Erbes zu schlagen, um selbst zu wissen, welche Forderungen wir stellen müssen und wie sie umzusetzen sind.

Die lebendige, friedliche, aber mächtige Kraft der Straße hatte die bisherigen Erfahrungen der politischen Klasse außer Kraft gesetzt, und das machte ihr Angst. Einigen Politikern in Ost und West grauste es sicher. Wie geht das weiter? Wo soll das noch hinführen? Auch die alte Bundesrepublik steckte in einem Entwicklungsstau, und etliche Veränderungen standen an.

Der BND meldete am 25. April 1990 ans Kanzleramt, ans Auswärtige Amt und ans Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen:

Die Bürgerbewegungen streben eine Nivellierung der Gesellschaft an. Sie verfolgen den »dritten Weg«, den demokratischen Sozialismus, wie ihn etwa Bahro vorgezeichnet hat. Sie stehen einem Neubeginn im Wege. Zentrale Frage wird sein: Kann die Arbeit der Bürgerkomitees unterbunden werden?[1]

Diese vier Sätze lassen ahnen, was zu dieser Zeit hinter den geschlossenen Türen abgelaufen ist, um den direkten Einfluss der Bürgerbewegung abzuwenden. Unsere Demokratiebewegung wurde nicht als Ferment im gesellschaftlichen Umbau gesehen, sondern als Störfaktor im vereinigten Deutschland begriffen.

Einer der ersten künftigen Partner und Ratgeber der Bundesrepublik war Schalck- Golodkowski, der bereits am 2. Dezember 1989 das sinkende Schiff verlassen hatte und in die Bundesrepublik geflüchtet war. Er war in der Wendezeit ein gesuchter Mann, denn er hatte die Devisen für die DDR-Wirtschaft unter anderem durch Embargo- und Waffengeschäfte, Intershops, Antiquitätendiebstähle und Schmuggel beschafft. Warum hat die politische Elite des Westens sich gerade mit diesem Mann über die Bedingungen eines Neubeginns beraten? An jenem 25. April vermeldet der BND außerdem:

Der Vorschlag von Bundeskanzler Kohl und Bundesminister Schäuble zu einer Amnestie für die Mehrzahl der MfS-Mitarbeiter, sofern diese keine Verbrechen begangen haben, wurde von Schalck begrüßt: Wenn dieser Personenkreis nicht mehr ausgegrenzt werde, könne dies positive Auswirkungen auf die innere Situation der DDR haben. Schalk geht jedoch davon aus, dass die basisdemokratischen Gruppen diesen Vorschlag ablehnen werden.[2]

Was bedeutet es, dass hier mit einem Stasi-Mann über den Umgang mit der Stasi beraten wurde, die in der Bürgerbewegung immer nur einen Racheengel gesehen hatte? Diese Sicht wurde von den politischen Vertretern der Bundesrepublik geteilt. Sie verstanden den konstruktiven Ansatz der Demokratiebewegung nicht, der sich in der anfänglichen Forderung »Stasi in die Produktion« ausdrückte.
Was hat die Bürgerbewegung denn anderes getan, als eine stille Amnestie auszusprechen? Was bedeutete denn die hartnäckig verteidigte Gewaltlosigkeit anderes? Aber die Amnestie durfte nicht von oben kommen, wenn sie ein Neuanfang sein sollte. Von uns aus gesehen, bekam jeder die Chance, sich zu erklären und sein Leben zu ändern. Die wenigsten haben davon Gebrauch gemacht.

Der anarchische Aufbruch des Herbstes 89 in die Freiheit hat nicht lange gedauert, aber er ist unvergessen. Unser Wille zu gesellschaftlicher Selbstorganisation wurde bald gebrochen. Sich Hineinfinden in das andere System wurde binnen Kurzem die wichtigste Aufgabe für jeden Einzelnen von uns.

Die Zeit nach 1989 barg viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Begrabene Hoffnungen und Wünsche wurden lebendig und nicht selten realisiert. Endlich noch einmal studieren, sich eine neue Existenz aufbauen, in seinem Beruf Bestes leisten, ohne Mitglied einer Einheitspartei werden zu müssen, Reisen, Sprachen lernen, alle Zeitungen und Bücher, die man interessant findet, lesen, alle Filme und Theaterstücke sehen können, die man möchte, oder ein Haus in sauberer Umwelt bauen und das Auto fahren, das man sich schon immer erträumt hatte – all jenes hat die letzten Jahre ausgefüllt.

Für viele ist es aber auch ganz anders gekommen. Sie haben jahrelang vergeblich versucht, einen persönlichen Neuanfang zu finden. Stattdessen sind sie in neue soziale Abhängigkeit oder gar Arbeitslosigkeit gestürzt, haben nur die schlechtesten Jobs bekommen und am Rande des Existenzminimums gelebt. Ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung waren nicht mehr gefragt. Zwar ist keiner verhungert, aber die sozialen Beziehungen und das soziale Umfeld sind zerfallen. Die Menschen sind aus dem an ihnen vorbeiziehenden wechselvollen Leben ausgeschlossen, sie führen ein subventioniertes Leben weit entfernt von der Freiheit, dieses Leben selbständig bestimmen zu können. Abhängig von allen Entscheidungen der Politik, sind sie auch wieder anfällig für jede Beeinflussung durch die Politik.

»Auch die Bundesrepublik hat sich verändert. Früher hast du nur Arbeit bekommen, wenn du gut gearbeitet hast, heute bekommst du nur Arbeit, wenn du einen Zuschuss mitbringst. Daran wird sich vorläufig nichts ändern«, sagte neulich ein Arbeitssuchender zu mir. Die Menschen wissen sehr genau, dass sie belogen werden, und sie schweigen wieder. Auch dieses Schweigen wird eines Tages enden.
Die letzten zwanzig Jahre sind die komprimierte Geschichte vieler Einzelwesen und ganzer Gesellschaften, von der Elbe bis zum Pazifik. Wenn man jedoch versucht, sie als Ganzes zu ordnen und zu bewerten, ist das schier unmöglich. Ich bin überrascht, mit wie viel Hast, Hilflosigkeit und Unwissenheit wichtige Entscheidungen für den gesellschaftlichen Umbau der Gesellschaft getroffen wurden, andererseits erschüttert über Skrupellosigkeit und Gewissenlosigkeit, mit denen er in weiten Teilen ohne tatsächlichen Widerstand durchgedrückt werden konnte. Allerdings ist dies ist schon längst keine ostdeutsche Geschichte mehr.

Die mit dem Umbau der Gesellschaft einhergehende Liberalisierung der Märkte bereitete der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise den Boden. Dass die Gewinne der Banken privatisiert und die Verluste sozialisiert werden, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, zerstört das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft und in den Rechtsstaat. Die Zweifel am Kapitalismus wachsen.

Nachdem ich zwölf Jahre vor allem in Bosnien und Kroatien gelebt und gearbeitet hatte, kam ich im vergangenen Jahr nach Deutschland zurück. Mein erster Eindruck war: ein Tollhaus! Was aus der Ferne halbwegs geordnet aussah, erschien aus der Nähe nur noch absurd und chaotisch. Die öffentliche Debatte ist noch flacher als Mitte der 90er Jahre. Alle Nachrichten, obwohl sie sich gegenseitig an Neuigkeitswert übertreffen, scheinen von der Realität längst überholt zu sein. Tiefgründige Analysen haben Seltenheitswert. Die Mediensprache ist hektisch, übereilt und fahrig geworden. Wichtiger als das, was gesagt wird, scheint zu sein, wie es gesagt wird. Als hätte, wer am schnellsten spricht, sich am genauesten mit dem Thema auseinandergesetzt.

In den Medien wird verkündet, wir brauchen Traditionsfirmen wie Quelle, Opel, Rosenthal, Schiesser, um Arbeitsplätze zu erhalten und weil sie Teil unserer Geschichte sind. Bei dieser Argumentation wird vergessen, dass nicht alle Deutschen diese Geschichte teilen. Der andere Teil erinnert sich an die Geschichte des Kalibergwerks Bischofferode nach 1989 und an so manch andere Ostfirma, die sicher auch auf dem Markt nicht ohne Chance gewesen wäre, wenn man sie ihr gegeben hätte.

1989 war kein Jahr null für die Menschheitsgeschichte, auch wenn das einige Zeit so empfunden wurde. Jeder Einzelne und jede Gesellschaft haben ihre Vergangenheit mit in die Zukunft genommen und beurteilen die Gegenwart mit den Maßstäben von gestern. Auf diese Weise blockieren wir eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Hier und Heute. Während alle Beteiligten ihre Vorurteile pflegen, zieht die Gegenwart mit ihren Problemen an uns vorbei. Öffentliche Vergleiche von Missständen in der DDR und Fehlentwicklungen im Gesamtdeutschland werden selbst zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung als unerhörte Provokation aufgefasst. Sie werden deshalb meist von vornherein unterlassen, obwohl sich eine Bezugnahme oft aufdrängt. Die vom Neuen Forum in der DDR eingeklagte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft ist auch heute gestört. Stattdessen führen wir fruchtlose Dauerdebatten über Themen, die mehr der Ablenkung als der Erkenntnis dienen. Die mannigfaltigsten, angeblich gleich bedeutungsvollen Themen wälzen sich, alles platt machend, durch die Medienlandschaft. Gestern war es die Pflegeversicherung, heute sind es die Lebensmittelimitationen. Ist es so schwer, ein Gesetz zu verabschieden, das verbietet, Lebensmittel irreführend zu beschriften? Wo Käse draufsteht, muss auch Käse drin sein. Eine Kampagne folgt der nächsten. Steuerhinterziehung, Kinderpornografie, Waffenbesitz, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schweinegrippe, Atommüllentsorgung, Klimaschutz, Walfangquoten, Wahlen – alles Kampagnen, die die Probleme eher verwischen, als greifbar machen.

Wir kennen das ja bereits, denn wir haben vierzig Jahre von Kampagne zu Kampagne gelebt. Jetzt haben sie andere Inhalte und werden ganzjährig von Talksshows rund um die Uhr begleitet – bis auch der letzte Zuschauer eingeschlafen ist.

Im Halbdämmer nehmen wir noch wahr, dass wir jetzt am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen sollen. Aus unseren Träumen wurden Albträume. Wie nah waren wir ihr, als in Dessau Arbeiter Gewehre auf Schienen legten und die Straßenbahn darüberfahren ließen! Jetzt sind deutsche Soldaten seit sieben Jahren in Afghanistan. Glauben wir, dass wir es besser machen als die Russen? Erfolg hätten wir bei der Zivilbevölkerung gehabt, wenn wir, nachdem die Waffen zum Schweigen gebracht wurden, großzügig Aufbauhilfe geleistet und nach absehbarer Zeit das Land verlassen hätten. »Hilfe zur Selbsthilfe« ist der Schlüssel, um das Vertrauen jeder Zivilbevölkerung zu gewinnen. Arbeit, Brot und ein Dach über dem Kopf – das sind die Voraussetzungen, um die Gesellschaft zu zivilisieren. Diesen Prozess aber müssen die Völker letztendlich selbst gestalten. Sie wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen wollen. An uns liegt es, zu sagen: So, jetzt nehmt euer Schicksal in eure Hände! Wir wollen euch helfen, aber wir wissen nicht alles besser, und wir können es nicht besser als ihr, es ist euer Land, eure Geschichte, eure Kultur. Tragt ein Kopftuch, wenn ihr wollt, aber geht in die Schule. Inzwischen sind wir für die Afghanen auch Teil einer Besatzerarmee geworden, die von Hilfe für die demokratischen Kräfte spricht, aber eigentlich schon in einem Krieg steht, der auch die Zivilbevölkerung trifft.

Wie schwierig es ist, in kriegsgebeutelten Regionen stabile Systeme aufzubauen, habe ich in Bosnien gesehen. Die Aufgaben sind komplex und schier unendlich. In vierzehn Jahren ist es der Internationalen Gemeinschaft nicht gelungen, in dieser gegenüber Afghanistan winzigen Region, die zumal politisch, wirtschaftlich und kulturell viel enger mit Westeuropa verbunden ist, die Probleme zu lösen. Das müssen die Bosnier ebenso wie die Afghanen selbst tun. Wenn wir als schwer bewaffnete Besserwisser mit einer dicken Brieftasche kommen, um »die Demokratie« aufzubauen, erreichen wir einzig das Gegenteil. Wir sind keine Helfer mehr, sondern nur Dummköpfe, die nicht merken, dass sie denen in die Hände spielen, die in diesen Ländern ebenfalls auf Waffen und Geld setzen. Die Menschen auf der Straße aber beobachten die Verbrüderung der Macht mit der Macht und werden sich vor Einmischung hüten, um nicht zerrieben zu werden.

Die Demokratiebewegung des Herbstes 89 ist für mich wie ein Baum. Den Boden hatten schon andere vor uns beackert. Wir haben den Samen in die Erde gelegt. Er wuchs durch die rastlose Teilnahme von Hunderttausenden sehr schnell in den Himmel. Aber bevor er tiefe Wurzeln fassen konnte, wurde der gigantische Baum durch den Ansturm der Notwendigkeiten gefällt. Nicht alles Holz ist verrottet, aber es sind nur wenige Balken aus dem Baum geschnitten und in dem Haus »wiedervereinigtes Deutschland« verbaut worden. Angeblich war das westliche Gebäude, in das letzten Endes der Osten eingezogen ist, sehr stabil, bestens ausstaffiert, es war bezugsfertig. Erst nach zwanzig Jahren sieht man seine dunklen Kammern, brüchigen Keller und zu viele verbaute Zimmer, in denen sich manches angesammelt hat, das auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Auch hier sind gewaltige Umbaumaßnahmen nötig, um es für die nächsten Generationen lebenswert zu halten.
Die Revolution von 1989 wird heute gern zum Anlass genommen, die verschiedensten Festreden zu halten. Aber das Verhältnis der politischen Klasse zu den Menschen auf der Straße ist im Wesentlichen unberührt geblieben von den weltbewegenden Ereignissen. Das Volk und die Vertreter des politischen Systems begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Immer noch denkt man – oder schon wieder –, dass die auf der Straße nur Schafe sind, die sich mehr für grüne Wiesen und saftige Butterblumen interessieren als für die Probleme der Globalisierung und die Hintergründe von Gewalt, Herrschaft und Macht.

Wir haben alles getan, was wir damals tun konnten. Wir haben es mit Hingabe getan. Mit Empathie für die Menschen – für Freund und Feind. Wir haben nicht nach Vergeltung geschrieen, nicht die Stimmung angeheizt, und alles ist friedlich geblieben. Aus der Situation haben die wenigsten von uns persönliche Vorteile gezogen. Wir sind auf die Weltbühne der Geschichte katapultiert worden und haben sie verändert. Sicher hätte man alles besser machen können. Ich denke aber, wir müssen uns für unser Handeln nicht schämen. Wir haben dem Glauben, dass man die Welt gewaltfrei ändern kann, Zuversicht und Gewissheit gegeben. Dass nach siebzehn Jahren der Kampf gegen das Bombodrom in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zugunsten der Bürgerinitiative »Freie Heide« entschieden wurde, scheint mir ein hoffnungsvolles Augenzwinkern der Geschichte zu sein.

[1] Deutscher Bundestag, 12. Wahlperiode, Abweichender Bericht der Berichterstatterin Ingrid Köppe (Bündnis 90/Die Grünen) vom 12. Mai 1993, Bundestagsdrucksache 12/zzzz (sogenannter Köppe-Bericht).

[2] Ebenda.

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